Ich habe mir vor einigen Jahren einen Value-ETF ins Depot gelegt. Günstige Aktien, historisch nachgewiesene Überrendite, alles klingt logisch. Was danach kam: drei Jahre in denen Value brutal underperformt hat, während Wachstumswerte durch die Decke gingen. Ich habe nichts falsch gemacht — aber ich hätte vorher besser verstehen müssen, worauf ich mich einlasse.

Factor Investing ist kein Geheimtipp mehr. Es ist eine eigene Disziplin mit solider Forschung, echten Renditeprämien — und echten Fallen. Hier ist was du wirklich wissen musst.

Was sind Faktoren überhaupt?

Ein Faktor ist ein systematisches Merkmal von Aktien, das historisch mit Überrendite verbunden war. Nicht zufällig, sondern reproduzierbar über Jahrzehnte und verschiedene Märkte. Die wichtigsten: Value (günstig bewertet), Quality (hohe Profitabilität, solide Bilanz), Momentum (Aktien die bereits steigen, steigen tendenziell weiter), Size (kleine Unternehmen), Low Volatility (defensive Aktien).

Die Forschung dazu ist echt. Fama und French haben Value und Size in den 1990ern akademisch beschrieben. Momentum ist seit den 1930ern dokumentiert. Diese Prämien existieren — aber sie kommen nicht gratis und nicht verlässlich in jedem Jahr.

Historische Renditeprämien — was die Daten zeigen

Value hat in langen historischen Datenreihen (1926–2020) den Markt um ca. 3–4% p.a. geschlagen. Momentum sogar um 4–5% p.a. Quality um ca. 2–3%. Das klingt nach viel. Der Haken: Diese Zahlen stammen aus Backtest-Daten. Reale Faktor-ETFs, die es seit 2010–2015 gibt, haben diese Prämien im Schnitt nicht vollständig abgeliefert.

Value litt von 2010 bis 2020 massiv. Das sogenannte "Value Spread" war auf historischem Tiefstand — günstige Aktien wurden nicht billiger, sie blieben einfach günstig während Wachstumsaktien davonzogen. Seit 2022 hat Value sich erholt, aber die verlorene Dekade hat viele Anleger zermürbt.

Was Faktor-ETFs kosten — und warum das kritisch ist

Ein normaler MSCI World ETF kostet zwischen 0,12% und 0,20% TER. Faktor-ETFs liegen typischerweise bei 0,25% bis 0,45%. Das klingt nach wenig, ist aber relevant: Wenn die Faktorprämie 2% p.a. beträgt, frisst die Mehrkosten von 0,25% bereits 12,5% davon auf — vor Steuern und vor dem Risiko, dass der Faktor in deinem Anlagezeitraum underperformt.

Dazu kommt: Faktor-ETFs haben oft einen höheren Turnover als Markt-ETFs, weil sie regelmäßig rebalancen müssen. Das erzeugt interne Transaktionskosten, die nicht in der TER auftauchen — in der Praxis aber die Rendite drücken.

Factor Timing — die teuerste Falle

Wer Value-ETF kauft, weil Value gerade gut läuft, kauft zu spät. Wer verkauft, weil Value drei Jahre underperformt, verkauft zu früh. Das ist Factor Timing — und es funktioniert genauso schlecht wie Market Timing. Studien zeigen, dass die Mehrheit der Anleger die Faktorprämie nicht einfährt, weil sie zum falschen Zeitpunkt kauft oder aufgibt.

Der Grund: Faktorprämien haben typische Drawdown-Phasen von 5–15 Jahren. Das ist kein Bug, das ist das Design. Die Prämie existiert weil es schmerzhaft ist, dran zu bleiben. Wer das nicht aushält, zahlt drauf statt drauf.

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Wann macht Factor Investing Sinn?

Factor Investing macht Sinn wenn du mindestens 15–20 Jahre Zeithorizont hast, die Kosten im Blick behältst und konsequent bleibst auch wenn ein Faktor jahrelang schlecht läuft. Es macht keinen Sinn als kurzfristiger Rendite-Boost oder als Ersatz für ein Kernportfolio.

Ein sinnvoller Einstieg für Privatanleger: Multi-Faktor-ETFs statt einzelner Faktor-Wetten. Diese streuen über Value, Quality und Momentum gleichzeitig — die Faktoren korrelieren niedrig miteinander, was die Schwankungen glättet. Anbieter wie iShares, Xtrackers und HSBC haben solide Multi-Faktor-Produkte im Angebot.

Fazit: Faktor-ETFs sind kein Selbstläufer

Factor Investing ist kein Fehler — aber es ist auch kein einfaches Upgrade auf den MSCI World. Die Prämien sind real, aber sie kommen unregelmäßig, sie kosten mehr, und sie testen deine Disziplin. Wer das akzeptiert und langfristig denkt, kann damit langfristig etwas herausholen. Wer einen ruhigen Schlaf und maximale Einfachheit will, fährt mit einem breiten Markt-ETF oft besser.

FaktorHistor. Prämie p.a.Drawdown-DauerKosten (typisch)
Value~3–4%Bis 10+ Jahre0,25–0,40% TER
Momentum~4–5%Bis 3–5 Jahre0,30–0,45% TER
Quality~2–3%Bis 3–7 Jahre0,25–0,35% TER
Multi-Faktor~2–3% (diversifiziert)Glätter als Einzelfaktor0,25–0,40% TER

Fazit: Faktor-Investing für wen?

Faktor-Investing ist am sinnvollsten für Anleger mit sehr langem Zeithorizont (15+ Jahre) und der Disziplin, auch in Jahren zu halten, in denen der Faktor underperformt. Für Einsteiger ist ein einfacher MSCI World ETF oder ein breit diversifizierter Robo-Advisor der bessere Start — ohne die Komplexität von Faktorprämien. Ginmon wendet Faktor-Investing automatisch an, ohne dass du selbst Faktor-ETFs auswählen musst.